Brief an einen Engländer

(JS) Dear Mark,
ein wenig erschrocken war ich schon, als ich las, dass Du größter auf Erden wandelnder Fußball-Fan aller Zeiten

n
ichts über die EM 2008 weißt – wobei ich die Gründe vermute und … ja, auch verstehen kann. ;-) Aber Du wünschst Dir ein Resümee, das beruhigt mich wieder.

Ja, es war eine schöne EM, auch wenn Ihr leider nicht dabei wart. Spanien ist der neue Europameister – und das hoch verdient. Die Spanier haben konsequent den besten Fußball gezeigt. Aber auch Deutschland stand im Finale. Mit mehr Glück als Verstand irgendwie durchgewurschtelt. Das Ergebnis (1:0 für Spanien) war schon wieder fast schmeichelhaft für uns.

Vielleicht erwartest du jetzt von mir genaue Berichte und Einschätzungen. Doch dazu fehlt mir das Y-Chromosom. Ja, genau, Frauen schauen anders Fußball als Männer. Klar wissen wir längst, was Abseits ist. Aber wir haben ebenso bereits erkannt, dass dieser Sport die pure Emotionalität ist und verstecken sie nicht hinter vermeintlich objektivem Faktenwissen. Uns ist egal, wie oft genau ein Mario Gomez bei dieser EM am Tor vorbeigeschossen hat. Nein, wir wollten ihn einfach in die Arme nehmen und trösten, als er sein Gesicht im Handtuch vergrub, weil er (gegen Österreich) ausgewechselt worden war. Überhaupt haben wir immer Mitleid mit den Verlierern. Meistens. Zum Beispiel, als das russische Team, bei dem Frau automatisch an eine frische und frech aufspielende A-Jugend-Auswahl dachte, am Ende so wehrlos gegen den späteren Europameister unterlag.

Aber ja, ich muss zugeben, es gibt auch neue Erkenntnisse durch diese EM. Zunächst traten die Griechen den Beweis an, dass Recht hat, wer behauptet, der EM-Titel 2004 sei ein »Betriebsunfall« gewesen. Und dann gibt es da noch dieses qualifizierende Komplement zu der Aussage von Eurem Gary Lineker, der, wie Du weißt, einmal behauptete: »Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen die Deutschen.« Tja, man sollte nun ergänzen, faktisch gehört die Nachspielzeit immer den Türken, außer … – genau, wenn sie gegen Deutschland spielen.

Ach ja, in einem Punkt haben wir Deutschen die EM dann doch noch klar für uns entschieden: Wir hatten den mit Abstand smartesten Trainer dieser EM. Und mal ehrlich: so ein ganz klein wenig hat uns das über das verlorene Finale in Wien hinweggetröstet.

Hug,

Jacqueline

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