Lass uns ├╝bers Wetter reden!

(JS) Heute am sp├Ąten Nachmittag in der Leipziger Innenstadt. Drau├čen schneite es. Ein junges Paar war gerade ins Schuhgesch├Ąft getreten.
Sie (in kurzer grauer Jacke, die sie wie ihren Kopf verzweifelt sch├╝ttelte, um beides von mehr Wasser als Schnee zu befreien) w├╝tend: ┬╗So ein Mistwetter. Ist nicht am Wochenende Ostern, oder was?!┬ź
Er antwortete nicht, doch sein Gesicht sprach: ┬╗Ach Schatz, immer hast du was zu meckern. Kannst es sowieso nicht ├Ąndern.┬ź
Die Frau w├╝rde vermutlich gleich alle Schuhe des Ladens anprobieren, sich aus Frust f├╝r drei zu teure Paar entscheiden und danach knietief im Dispo stecken. Und der Mann w├╝rde all das stoisch ertragen.

Dieser Dialog birgt diffusen weiteren Gespr├Ąchsstoff. Man k├Ânnte sich auslassen ├╝ber die Unterschiede zwischen Mann und Frau, ├╝ber ihren unterschiedlichen Gespr├Ąchsbedarf, ├╝ber ihr kontr├Ąres Verh├Ąltnis zu Schuhen oder ├╝ber weibliche Hormone. Oder man k├Ânnte sich auch austauschen, was man an solch einem Tag anziehen sollte. Aus eigener Erfahrung wei├č ich, dass nicht hilft, wenn man die Fr├╝hlingsjacke ├╝berwirft, in der Hoffnung, dass das Klima es sich doch noch einmal ├╝berlegt und nicht dem Wetterbericht folgt. Nat├╝rlich h├Ątte auch der junge Mann ritterlich seine Jacke um die Schultern seiner mies gelaunten Freundin werfen oder ihr einen Regenschirm kaufen k├Ânnen und Handschuhe und Schal und Gummistiefel und Regenjacke und ÔÇŽ Die beiden sahen nicht so aus, als seien sie frisch verliebt. Ihre Liebe war l├Ąngst dem Beziehungsalltag zum Opfer gefallen. Und Alltag scheuen ritterliche Kavaliere vermutlich ebenso wie ich unangeleinte Hunde, wenn ich laufe.

Wer ist f├╝r schlechtes Wetter bekannt? Genau, die Engl├Ąnder. Sie reden immerzu ├╝ber ihr Wetter, habe ich mir von einem Experten sagen lassen. Jetzt d├╝rfen wir das auch, wenn es im M├Ąrz bei uns Flachlandindianern schon mal schneit. Welch Sensation! Noch. Nun gut, wenn das jetzt zur Gewohnheit wird, k├Ânnte man in atheistischen Kreisen auf den Gedanken kommen, Weihnachten an Ostern und Ostern an Weihnachten zu begehen. Dann h├Ątten wir ja vielleicht mal wieder wei├če Weihnachten!

Ach ├╝brigens: So lange, wie man braucht, diese Kolumne zu lesen, so lange dauerte es, bis der Schnee getaut war.


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