Hoffnung f├╝r die Heulsuse

(JS) Vor wenigen Tagen geschah ein Wunder. Nicht so eines in der Art, dass ich problemlos in einer Stadt von A nach B finden konnte. Nein, das
Wunder geschah, als ich ┬╗Mitten ins Herz┬ź sah, eine r├╝hrende Liebeskom├Âdie. Ein Film f├╝r Fans von Hugh Grant und Drew Barrymore und nicht zuletzt f├╝r alle ├ť30, die die legend├Ąren achtziger Jahre lieben. F├╝r mich trifft das alles zu und so war ich verzaubert. Doch dann: Als der Abspann lief, lag neben mir zum ersten Mal seit langem kein Haufen zusammengekn├╝llter Taschent├╝cher. Und dabei hatte doch ┬╗Mitten ins Herz┬ź eindeutig Heulpotenzial! Und eigentlich schluchze ich doch immer bei dieser Art von Filmen!

Nicht logisch erkl├Ąrbar scheint, dass ich immer wieder an der gleichen Stelle von ┬╗Notting Hill┬ź in Tr├Ąnen ausbreche, obwohl ich den Film schon mindestens zehnmal gesehen habe und er wirklich immer gleich endet. Es gab Zeiten, da hasste ich es, ins Kino zu gehen, weil ich beim Rausgehen immer auf den Boden blicken musste, damit keiner meine roten Augen sah. Manchmal reicht der Blick eines Schauspielers, eine kleine Geste oder ein einziges Wort und die Schleusen brechen bei mir auf. Ja, Kinder-, Liebesfilme und Dramen sind da ganz schlimm. Und ├Ąndern kann ich diese Art Katharsis nicht, die nicht nur mich, sondern auch ganz sicher meine Mitmenschen peinlich ber├╝hrt.

Gut, ich gebe zu, ich habe bereits Besserung gelobt und mir verst├Ąrkt Thriller, Krimis und Actionfilme angesehen. Und da weine ich zwar nicht, will jedoch die ganze Zeit fliehen: entweder, weil mir die Handlung zu flach ist oder ich wei├č, dass ich die kommende Nacht nicht gut w├╝rde schlafen k├Ânnen. Dann doch lieber ein paar Packungen Taschent├╝cher mehr kaufen. Vielleicht sollte ich mal nach Rabatt fragen?

Oder versuchen, bei f├╝r mich heiklen Szenen Primzahlen aufzusagen, um mich abzulenken? Aber ich vermute, das ergebe auch nur ein bescheuertes Bild: Ich w├╝rde zwar denkend aussehen, aber vermutlich trotzdem heulen. Allm├Ąhlich gelange ich zu der ├╝berzeugung, wenn ich schon nicht auf dem Meer geboren wurde, so muss ich doch wenigstens dort gezeugt worden sein.

Nur f├╝r eine Sache bin ich dankbar und freue mich, dass sie sich nie ├Ąndern wird. Obwohl schon Dutzende Male gesehen, bekomme ich stets feuchte Augen, wenn ich Bilder der Wende ÔÇÖ89 sehe: Wie die Menschen ├╝ber die Z├Ąune der bundesdeutschen Botschaften klettern, Genschers Stimme vom Jubel der Botschaftsfl├╝chtlinge ├╝bert├Ânt wird, Menschen mit gl├╝cklichen Gesichtern in ihren Trabis zum ersten Mal ├╝ber die innerdeutsche Grenze fahren. Das ist Freude pur. Und da sch├Ąme ich mich ausnahmsweise mal nicht f├╝r meine Tr├Ąnen.

Kann ich ansonsten meinen Hang zur R├╝hrseligkeit erkl├Ąren? Als Kind lag f├╝r mich die Sache bereits klar auf der Hand. Als ich bei Verwandten zu Besuch im Garten sa├č und heulte, trat meine Tante auf mich zu und fragte: "Du bist wohl traurig, weil du Heimweh hast?" Schnell wischte ich mir die Tr├Ąnen weg und sagte tapfer: ┬╗N├Â, in meinem Kopf ist nur so viel Wasser, das musste einfach mal raus.┬ź Genau. ;-)


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