»Nur noch deine Kolumne fehlt!«

(JS) »Nur noch Deine Kolumne fehlt, dann können wir die Homepage schalten.«
Ich sank noch tiefer in den Stuhl. Tja, da war es wieder, das altbekannte Problem.

Dass man tun muss, auf was man plötzlich so gar keine Lust mehr hat, ganz so, als hätte einem jemand unbemerkt die Unlust-Spritze verpasst. Und viel lieber möchte man alle Fensterscheiben der Stadt polieren, alle Kostüme der Oper glätten, obwohl man unter normalen Umständen sowohl Bügeln als auch Fensterputzen hasst. Auf einmal wollen ganz akut einige schöngeistige Bücher gelesen werden, die bisher völlig unbeachtet im Regal vor sich hin staubten. Man möchte plötzlich jeden Tag für sich kochen und ja, man könnte direkt ohne Teller vom Boden essen. Zweifellos findet man endlich auch Zeit und Muse, die seit geraumer Zeit wahllos auf dem Schreibtisch gehorteten Aktenhaufen zu sortieren und überlegt, ob man sich nicht schon immer einen Hund anschaffen wollte. Ja, so an die tausend Dinge fallen einem spontan ein, die jetzt dringend  erledigt werden mussten. Alles, um nur ja nicht diesen unlustigen Text verfassen zu müssen.

Und man erinnert sich, dass dieses Verhalten sich durchs bisherige Leben wie ein roter Faden zieht. Und bereits in der Schulzeit bekannt war. Denn häufig kam man ja aus unerklärlichen Gründen erst am frühen Morgen dazu, die nervigen Hausaufgaben zu erledigen. Selbst, wenn man Gedichte liebte, kam man erst richtig am vorhergehenden Abend dazu, sie zu lernen. Später in der Studienzeit machte man regelmäßig die ultimativ letzten drei Nächte vor Abgabetermin der lästigen Hausarbeit durch. Und jetzt? Nix hat sich geändert. Noch immer macht man alles auf den letzten Drücker. Obwohl man ja eigentlich ausreichend Zeit gehabt hatte in der nahen Vergangenheit. Doch plötzlich musste man täglich Staub zu wischen, mindestens einmal am Tag saugen und bisher ignorierten Shoppingattacken erliegen – gäbe es einen Wettbewerb um die sauberste Wohnung, man würde es mindestens ins Finale schaffen.

Solange man das Unaufschiebbare versucht, vor sich her zu schieben, ist man sich sicher, noch genügend Zeit zu haben. Man freut sich beinahe, das zu Erledigende irgendwann in Angriff zu nehmen. Genau, irgendwann. Doch plötzlich ist das Irgendwann gestern. Wie aus heiterem Himmel fehlt sie – die Zeit. Die Krux an diesem erneut verpassten Versuch, sich zu mehr Selbstdisziplin zu erziehen, ist, dass man es doch wieder irgendwie schafft. Vielleicht nicht bestmöglich, aber man schafft es. Und weiß, das nächste Mal wird es genau so ablaufen und man beruhigt sich mit der These, dass man so richtig effektiv wohl nur unter Zeitdruck arbeiten könne. Ha ha, wieder nichts dazugelernt. Als brauche man dieses schale Gefühl, das schlechte Gewissen, dieses Sich-Belügen und das Vertrösten auf die Zukunft, in der man es besser machen werde. Ganz, ganz bestimmt.

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