VERMISST! oder die Liebe zu den Dingen

(JS) Ich habe unzĂ€hlige TĂŒcher und Schals in meinem Schrank. Doch seit Jahren trage ich am liebsten das eine: aus lilafarbenem weichen Stoff, bedruckt mit bunten BlĂŒten und unaufdringlichen Fransen.  Trug, denn ich habe es verloren.
Es ist Freitag. Seit zwei Tagen quĂ€lt mich schreckliches Zahnweh, das ich nur mit Schmerzmitteln ertragen kann. Heute wage ich mich zum Zahnarzt. Keine Ahnung, warum ich mich in der Straßenbahn entgegen der Fahrtrichtung setze, vielleicht will ich nicht abgelenkt sein von meiner LektĂŒre. Es ist warm und so schĂ€le ich mich aus meiner Jacke, nehme mein Lieblingstuch (!) ab und lege es neben mich auf den Sitz. Ins Lesen vertieft – Julia Franck erzĂ€hlt mir von einem Hotel, in dem skurrile Menschen verkehren - merke ich nicht, wie die Zeit vergeht. Plötzlich höre ich das »Mockau, Post« der Ansagerin. Hier muss ich raus! Ich stĂŒrze auf, schnappe meine Sachen, steige aus. Und es ist, als erinnere mich das leise Schließen der WaggontĂŒr daran, dass ich etwas  vergessen habe.  Mein Tuch fĂ€hrt gerade weiter, ohne mich! Verzweifelt schĂŒttele ich die Jacke, als hoffe ich, unbewusst das Tuch in den Ärmel der Jacke gestopft statt zu haben. Panik ergreift mich, als habe ich meinen Personalausweis in den reißenden Strom fallen lassen. Dann werde ich traurig und vergesse, dass der Zahn in meinem Kopf hĂ€mmert.

Einigen Leuten berichte ich davon. Sie raten mir, im FundbĂŒro nachzufragen. Ich weiß jedoch: »Das Tuch ist zu schön, um es nicht zu behalten.«

Und dann schelte ich mich: Ausgerechnet ich, die KĂ€mpferin gegen das Anhimmeln von materiellen Werten, hĂ€nge an einem Tuch! Und noch schlimmer: Ich liebe auch einige MöbelstĂŒcke, alle BĂŒcher und meine CDs, meine Kaffeemaschine. Meinen Radiowecker nenne ich »Gregor«. Hallo?!

Doch als die Wirkung der Narkose nachlĂ€sst und ich erleichtert bin, dass der Zahn nun nicht lĂ€nger nach quĂ€lender Aufmerksamkeit sucht, gelange ich zu der Überzeugung, dass mein Verhalten normal ist. Denn sobald ich dem gegenstĂ€ndlichen Ding eine immaterielle Bedeutung (AnhĂ€nglichkeit) ĂŒberstĂŒlpe; wenn ich glaube, genau dieses eine Ding zu brauchen, kein anderes zu wollen, bedeutet das doch irgendwie so etwas wie ein klein bisschen GlĂŒck. Ein lilafarbenes GlĂŒck.

Ich war in dem Laden, in dem ich das Tuch vor Jahren gekauft hatte. NatĂŒrlich sah ich kein zweites und ein anderes wollte ich nicht.

PS: Inzwischen habe ich beim FundbĂŒro angerufen und meine Erwartung wurde bestĂ€tigt. Ich bin noch immer traurig und wĂŒnsche mir, dass mein Lieblingstuch von jemandem gefunden wurde, der es Ă€hnlich lieben kann wie ich. Das wĂŒrde mich trösten. Wie auch die Erkenntnis, dass es schön ist, wenn man keine grĂ¶ĂŸeren Probleme hat als die Sehnsucht nach einem verlorenen Tuch.

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