Der glĂŒcklichste Fahrgast

(JS) Ein Donnerstagnachmittag in der Regionalbahn Richtung Leipzig. Drei Stationen vor dem Zielbahnhof steigt eine Mutter mit ihrem Sohn in das Großraumabteil der 2. Klasse ein. Der Kleine ist schĂ€tzungsweise zwei Jahre alt, vielleicht auch ein wenig Ă€lter.

Die beiden setzen sich nebeneinander auf zwei freie PlÀtze.

Sobald der Kleine sitzt, ist er nicht mehr zu halten. Er freut sich lautstark ĂŒber vorbeirasende Traktoren und Bagger und Schranken und BrĂŒcken, springt im Sitzen immer wieder hoch. Jubelnd spricht er in seiner kindlichen, ungenauen Sprache aus, was er gerade entdeckt.

Die Mutter neben ihm berĂŒhrt ihn zunĂ€chst sanft am Unterarm, spricht flĂŒsternd auf ihn ein, dann umfasst sie den Arm und mahnt: „MĂ€uschen, wir dĂŒrfen nicht so laut sein. Die Leute hier möchten ihre Ruhe haben!“ Aber es ist, als verstehe der Kleine die Worte seiner Mutter nicht, oder seine Freude ist zu groß. Denn von seinem Sitz ruft es unaufhaltsam voller Freude: „Mama, Bagger. Mama, noch mal Bagger.“ Etwas nervös beginnt die Mutter, auf ihrem Sitz herumzurutschen. Dann will sie ihr „MĂ€uschen“ auf den Schoß nehmen, doch der Kleine wehrt sich und schreit. Die Mutter lĂ€sst ab von ihm, stöhnt leise und fĂ€llt fatalistisch in ihren Sitz zurĂŒck. Den Sohn scheint nicht zu stören, dass seine Mama ihn nicht versteht. Er freut sich fĂŒr sie und alle anderen FahrgĂ€ste mit.

Die Mutter sieht sich um, viele FahrgÀste schlafen, von der Schichtarbeit kaputt.

Einige Minuten spĂ€ter ist das Ziel fast erreicht, die Zugbegleiterin sagt den Zielbahnhof an, nennt die Anschlussmöglichkeiten und wĂŒnscht den FahrgĂ€sten in deutscher und englischer Sprache eine angenehme Weiterreise. Der kleine Junge sitzt wĂ€hrend der Ansprache still, hĂ€lt sich kichernd den Mund, doch kaum ist das Sprechen verstummt, nimmt der Junge seine Freudeschreie wieder auf.

Ermattet setzt die Mutter ihrem Jungen die MĂŒtze auf. Sie tut es kaum liebevoll und der Kleine bemerkt es. Er schiebt die Unterlippe vor und setzt einen kindtypischen Hundeblick auf. Das zeigt Wirkung: Die Mutter lacht und nimmt ihren Sohn liebevoll in die Arme, bedeckt seinen bemĂŒtzten Kopf mit unzĂ€hligen KĂŒsschen.

Nach einer erneuten glĂŒckseligen „Bagger“-Salve aus dem Mund des Kleinen hĂ€lt der Zug. Nun ist der kleine Junge still, die Mutter setzt ihn in den Buggy und trĂ€gt ihn auf den Bahnsteig hinaus.

Als sie Richtung Innenstadt lĂ€uft, wird sie von einer MittfĂŒnfzigerin angesprochen: „Bitte verzeihen Sie, aber ich muss Ihnen einfach sagen, wie sehr ich das gerade genossen habe. Es ist so herrlich, wenn sich Kinder noch ĂŒber so einfache Sachen freuen können. Wir Erwachsenen haben das lĂ€ngst verlernt.“

„Ich hatte Angst, dass sich andere FahrgĂ€ste gestört fĂŒhlen. Viele wollten schlafen.“

„Aber dafĂŒr sind es doch Kinder. Kinder dĂŒrfen das.“

Wie wahr. 


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