Vom Smartphone-Zwang geheilt

(JS) Ein Mittwochvormittag im Februar. Mit Mann und Sohn war ich fĂŒr ein paar Tage bei meinen Eltern ganz im SĂŒden zu Besuch. Gegen halb elf spĂŒrte ich Lust zum Shoppen, doch zunĂ€chst wollte keiner mich begleiten.

Als ich mich gerade missmutig in meine LektĂŒre vertiefte, opferte sich mein Vati. Dann ging alles ganz schnell. Und bevor wir nach Freiburg fuhren, wollte Vati im Nachbarort Bargeld abheben. Er parkte den Wagen vor der Bank ab, ich wollte nicht mit, blieb im Auto zurĂŒck. Es dauerte ungefĂ€hr drei Sekunden, bis mir beim routinierten Griff in die Tasche bewusst wurde: Ich hatte mein Smartphone im Haus meiner Eltern liegen gelassen. ‚Oh mein Gott‘, entfuhr es mir in Gedanken, ‚was soll ich jetzt tun?‘ Was um Himmels Willen konnte ich machen, wĂ€hrend ich auf meinen Vati wartete? Was machte man mit freier Zeit, wenn es nichts zu tun gab?

Panik hatte mich ergriffen, als mein Blick an einem vorbeischlendernden EndfĂŒnfziger hĂ€ngenblieb. Der Anblick des entspannten Mannes entspannte auch mich. ‚Was ist dein Problem?‘ dachte ich vorwurfsvoll mir selbst gegenĂŒber. Und weiter: ‚Wie war das denn noch vor fĂŒnf der sechs Jahren, als mein Handy noch ein Handy war und keine Internetfunktion hatte? Vielleicht schrieb ich SMS oder telefonierte, aber oft genug schaute ich ganz gelassen in der Gegend rum, beobachtete Menschen, dachte nach.

Jetzt ergriff mich Panik, wenn ich auf einmal ein klein wenig Zeit hatte und Angst vor Langeweile. Ich konzentrierte mich auf die Sicht aus dem Front- und dem Beifahrerfenster. Ich betrachtete die HĂ€user, las Namen von Handwerksbetrieben, bewunderte Fachwerk. Und war voller Vorfreude auf den nahen FrĂŒhling, wenn die BĂ€ume plötzlich in allen Farbtönen leuchteten und danach ihr grĂŒnes Kleid trugen. Diese Situation hatte etwas von Poesie und ich musste lĂ€cheln.

Vati holte mich aus meinem Tagtraum und wir gingen shoppen. Was fĂŒr ein perfekter Tag!

Und ich bin geheilt. Wenn ich jetzt unterwegs bin, entscheide ich bei jeder Zug- oder Tramfahrt spontan, ob ich mein Smartphone aus der Tasche ziehe oder nicht. Nicht selten reizt mich die Entspannung, die entsteht, wenn man einfach die Welt um sich herum beobachtet.


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