Von schönen Chaoten ...

NOVEMBER 1989. (JS) Von einem auf den anderen Tag war das Leben an Reichtum nicht mehr zu ĂĽberbieten. In meinem Fall vor allem der
Reichtum an Chancen. Durch die Ă–ffnung der Mauer lag mir die Welt zu FĂĽĂźen. Am Anfang im wahrsten Sinne des Wortes.
Es war eine verrĂĽckte Zeit. Ich war 15 und kannte keine Angst. Die Schule schien sich gerade vom stupiden Lerninstitut in eine Meinungsplattform zu verwandeln.

Die Floskel »Ich meine…« war mir noch ein wenig fremd, und ich hatte das Gefühl, es gab vielleicht nicht wichtigere, aber weitaus schönere Dinge als Schule. Beispielsweise den nahen, bis vor Kurzem noch unerreichbaren Westen.

Ich erinnere nicht mehr, ob ich eine Entschuldigung hatte, dass ich in der Schule fehlte, oder ob es geduldet wurde, weil es so viele taten – ich verstand Lernen fortan als hautnah Erleben. Also fuhr ich mit einer Freundin mit dem Zug nach Blankenstein, wir eilten über den offenen Grenzübergang und trampten in nahe gelegene oberfränkische Städte, je nachdem, wo die Autofahrer hinfuhren, die uns auflasen.

Es war jedes Mal ein großes Erlebnis, an drei erinnere ich mich ganz besonders: Bei dem einen wollten wir gar nicht wieder aussteigen, der Fahrer hätte uns auch nach Island oder Afrika mitnehmen können (er fuhr aber leider nicht hin), ein anderer stellte sich als Pfarrer vor und versuchte, einen anderen Tramper – einen jungen Punk – zum Glauben an Gott zu bekehren. Und beim dritten Erlebnis lernten wir etwas fürs Leben.

Aber beginnen wir bei dem Fahrer, der uns den Kopf verdrehte. Schön war er, aber mindestens genauso chaotisch. Denn bevor wir einstiegen, musste er erstmal ein Dutzend Kassetten (ohne Hüllen) vom Beifahrersitz auf die Rückbank werfen.

Es war für den jungen Mann übrigens keine Überraschung, dass wir aus dem Osten waren: Entweder hörte oder sah er es uns an oder er las immer mal trampende DDR-Bürger von dieser Straße auf. Ich weiß nicht mehr, worüber wir uns genau unterhielten, aber ich erinnere mich, dass er sanfte braune Augen hatte.

Wir haben uns am Ende wirklich nicht beeilt, auszusteigen und hätten uns gewünscht, er hätte uns noch auf eine heiße Schokolade eingeladen oder von mir aus auch auf den Besuch des ödesten Baumarktes der Stadt. Aber er verabschiedete sich nur höflich-unverbindlich und lächelte. Ich glaube, er wusste, dass er das schönste Lächeln der Welt besaß.

Der Pfarrer zwei Wochen später war zwar nicht so schön, aber auch toll. Er war ein hagerer Mann mittleren Alters und fand es spannend, Menschen aus der DDR kennenzulernen. Er stellte ein paar Fragen zu unserem momentanen Leben und dann schlug er irgendwie den Bogen zu dem Jungen mit dem lila Haarkamm auf dem Kopf und wir lauschten fasziniert. Der Punk hatte keinen Bock auf Schule und Arbeit, fand sein Leben Scheiße und überhaupt alles. Der Pfarrer hörte zu, ohne den Punk zu unterbrechen und dann redete er ihm voller Verständnis zu. Vielleicht war der Punk in dem Moment froh, zwei Ohren zu haben. Aber wir fanden toll, wie sich der Pfarrer für das Leben und die Gefühle des Jungen interessierte.

Die dritte Begebenheit, an die ich mich noch lebhaft erinnere, begann mit strömendem Regen. Endlich hielt ein Auto. Wir setzten uns auf die Rücksitzbank. Der Fahrer grüßte uns mit einem Akzent, den wir nicht kannten, der Beifahrer lächelte uns an, aus dem Radio erklang orientalische Musik. Das waren Türken! Obwohl wir kaum etwas über das Land und seine Leute wussten, machte uns die Situation Angst, vor allem wohl, weil es zwei junge, kräftige Männer waren. Bis Hof ergriff uns Panik, wir saßen auf der Rücksitzbank und sahen, uns an den Händen haltend, dem Schlimmsten entgegen.

Als der Fahrer auf einem Parkplatz hielt, luden die Männer uns spontan zu einem Döner ein. Wir hatten noch nie zuvor von so etwas gehört und waren schlicht zu neugierig, um abzulehnen. Diese Einladung war eine wundervolle Geste, die ich nie vergessen werde.


Seit dieser verrückt-intensiven Zeit Ende 1989 bin ich übrigens nie wieder getrampt. Aber ich möchte diese wunderbaren Erlebnisse vor zwanzig Jahren nicht missen.


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