Paul Auster: Nacht des Orakels


nacht_des_orakelsEr ist ein genialer Erzähler und ein herausragender Beobachter seiner New Yorker (Um-)Welt – Paul Auster.

Wer sich seinen Worten anvertraut, wird fasziniert vom eigentlich trögen Alltag. »Also zog ich die Kappe von meinem Füller, drückte die Feder auf die oberste Linie der ersten Seite des blauen Notizbuchs und begann zu schreiben.« (S. 23).

Die FAZ betitelt Auster als »Zeremonienmeister des Zufalls« und dem weht nicht der Hauch eines Zweifels entgegen. Die Kunst ist, diese Zufälle auch zufällig und nicht konstruiert wirken zu lassen – bei Auster hat man zu keinem Zeitpunkt, bezogen auf den Plot, das Gefühl, man liest eine erdachte Geschichte. Unter Schriftstellern nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit.

Wenn man im Bereich der Musik verharrt, kann man bei »Nacht des Orakels« von einer wunderbaren Komposition sprechen. Verschiedene Erzählebenen, die keine logischen Fehler aufweisen, keine Unachtsamkeiten, dafür originelle Wendungen – ein qualitativ hochwertiger Genuss für den Leser.

Die Frage bleibt, wie viel von Paul Auster steckt in der »Nacht des Orakels«? Wie viel von ihm ist in Sid, John oder Nick enthalten? Natürlich weiß Auster, wie ein Roman entsteht, wie glaubhaft es ist, den Schreibtisch physisch nicht zu verlassen und doch das Gefühl zu haben, mit Haut und Haaren in einem Buch zu stecken. Und er kennt vermutlich auch die traurige Erkenntnis, mit einer Geschichte in die Sackgasse zu geraten. Aber ist Paul Auster auch ein Frauenversteher? Wie viel von der Frau, die er liebt, steckt in der Figur Grace? Ist Paul Auster solch ein konsequent Liebender wie Sid?

Auster lesen heiĂźt lernen. Wie man schreibt, wie man es richtig tut. Er ist ein kreativer Kopf, der in seinem Komponieren den Leser immer wieder in ĂĽberraschtes Erstaunen versetzt.

»Nacht des Orakels« ist eine höchst vergnügliche Reise, in der man Menschen und ihre Macken (chinesischer Verkäufer; Ed, der Taxifahrer) kennen lernt. Nur schwer löst man sich wieder von ihnen, aber Paul Auster ist in der Beziehung unbarmherzig.

Die Zuspitzung des Zufalls, die Menschen in die Tragödie stößt, lässt den Leser ratlos zurück. Wann begann das Ganze aus dem Ruder zu laufen? Und ist die Frage nach den Konsequenzen ihres Schreibens (Greifen sie in ihren Büchern den Ereignissen der Realität vor?) nicht eine der elementarsten von Schriftstellern? Ich-Erzähler Sid versucht eine Antwort darauf zu finden, und sie ist erschütternd.

Jacqueline Sterzik


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