Henry James: Bildnis einer Dame

ladySchon seit 15 Jahren stand dieses Buch in meinem Regal, die Seiten sind mittlerweile vergilbt und die Verfilmung liegt seit fast ebenso vielen Jahren im Schrank. Jetzt, da ich »Portrait of a Lady - Bildnis einer Dame« endlich gelesen habe, ist mir dieses Versäumnis umso unverzeihlicher.

Henry James ist ein herausragender Schriftsteller. Dem Romancier gelingt es scheinbar mĂĽhelos, mich von der ersten bis zur letzten Seite in den Bann der Handlung seines Gesellschaftsromans zu ziehen.

Es ist nicht die Dramatik der Geschehnisse, denn sie ist begrenzt. Nein, viel beeindruckender ist James’ Beobachtungsgabe, sein Talent, das Innenleben von Menschen in Worten nach außen zu kehren. Was in der Seele der Figuren vor sich geht, welche Motivationen sie für ihre Handlungen haben, wie sie damit hadern.

Die junge Amerikanerin Isabel Archer ist ein Ideal dieser Zeit. Selbstbewusst und unabhängig scheint sie ihren selbstständig gewählten Weg zu gehen. Wenn ihr Cousin Ralph ihr zu einem großen Erbe verhilft (ohne ihr Wissen), dann scheint dieser Weg geebnet zu sein und das Gehen darauf beschwingt. Denn Geld macht bis zu einem gewissen Grad unabhängig.

Doch Isabel verlässt den Weg – sie heiratet Gilbert Osmond und wird nicht nur in ein gesellschaftliches Korsett gezwungen, sondern scheint sich auch daraus nicht mehr befreien zu können. Vielleicht wollte Isabel zunächst nicht tun, was alle von ihr annahmen (dass sie allein bleibt und sich selbst verwirklicht), aber vielleicht ist es auch Henry James gewesen, der sie in diese Rolle drängte. Aber welches Motiv liegt dem zugrunde. Vielleicht war Osmond so besonders, weil er so anders war. Weil er ungewöhnliche Ideale hatte, weil es für Isabel eine Herausforderung war, ihm zu gefallen. Doch irgendwann muss sie erkennen, dass sie Osmond enttäuscht hatte und dass sie selbst unglücklich war.

Henry James' Roman ist ein Kunstwerk. Die Hauptfiguren sind subtil und dem Autor gelingt es, dass sie einen neugierig machen auf ihre Entwicklung. Als Mutter eines kleinen Jungen habe ich das Buch leider nur mit langen Unterbrechungen lesen können. Und bin mir sicher, dass mir dadurch viele Zusammenhänge fehlen. Aber vielleicht nehme ich das Buch irgendwann noch einmal zur Hand und entdecke Henry James erneut für mich, dann intensiver. Aber erst einmal freue ich mich auf die Verfilmung mit John Malkovic und Nicole Kidman.

Jacqueline Sterzik


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