Carson McCullers: Die Ballade vom traurigen Café


die_ballade_vom_traurigen_cafeKönnen Sie wählen zwischen einem Kinofilm und der Novelle »Die Ballade vom traurigen Café« von Carson McCullers – entscheiden Sie sich für letzteres! Denn es ist ein zauberhaftes Juwel Literatur. Dicht und treffsicher erzählt die McCullers – Kein Wort scheint zu viel, keines zu wenig.

Carson McCullers (1917 – 1967), dieses »Wunderkind« aus den Südstaaten, das nicht nur eine großartige Schriftstellerin war, sondern auch am Klavier begnadet gewesen sein soll, beschreibt retrospektiv die Geschichte eines Cafés. Miss Amelia, die Inhaberin, die prozesssüchtig und prüde sich nach nur zehn Tagen Ehe scheiden lässt. Ihr Ex-Mann wird kriminell, kommt ins Zuchthaus. Eines Tages kommt ein fremder Mann ins Café, der angibt, Miss Amelias Vetter zu sein. Sechs Jahre und eine gerüchteweise zärtliche Liebelei zwischen den beiden später kehrt Marvin Macy, Miss Amelias Ex-Mann, aus dem Zuchthaus zurück. Er fordert Miss Amelia heraus. Oder sie ihn? Oder die Stadt die beiden?

»Die Ballade vom traurigen Café« zeichnet keine spektakuläre Handlung, doch dies macht das Spracherlebnis beim Lesen umso eindringlicher. McCullers Worte lassen das Buch wie einen Film vor dem geistigen Auge vorüberziehen. Eine herausragende Beobachtungsgabe ist vor allem bei der Schilderung der Charaktere erkennbar. Die Leute sind mitunter klischeehaft, aber nicht minder skurril. Manches wie die Erklärung für Marvins Liebe zu Miss Amelia bleibt im Verborgenen. Doch der Besuch des traurigen Cafés ist wie ein Kurztrip in die Welt des vergangenen Jahrhunderts, der trotz des suggestiven Titels köstlich amüsiert.

Es ist höchst bedauerlich, dass es von Carson McCullers, die im Alter von fünfzig Jahren an ihrem dritten Schlaganfall verstarb – nur wenige weitere Werke neben der »Ballade vom traurigen Café« gibt. Disziplin und Leidenschaft gab sie an als die wichtigsten Eigenschaften eines Künstlers. Sie hatte sie und man mag bedauern, dass McCullers so wenig verfasste; doch gleichermaßen muss man bewundern, zu welch literarischer Qualität sie fähig war. Sie, über die kein geringerer als Kollege Tennessee Williams einmal meinte, sie sei in seinen Augen »die bedeutendste Autorin Amerikas, wenn nicht der Welt.«

Jacqueline Sterzik

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