Émile Zola: Der Bauch von Paris


zolaEs gibt Schriftsteller, vor deren Namen und Reputation man vor Ehrfurcht beinahe erstarrt. Jahrelang l├Ąuft man die Regalreihen der Bibliotheken ab und scheut, ihre Werke herauszuziehen.

Und dann traut man es sich doch eines Tages und liest und m├Âchte wieder erstarren, diesmal, weil ihre Worte bewegen, weil sie sch├Âne Literatur in ihrer besten Weise sind, weil es gl├╝cklich macht, sie zu lesen ÔÇô so geschehen bei ├ëmile Zola.

Sein Buch ┬╗Der Bauch von Paris┬ź habe ich verschlungen wie die Schlange ihre Beute. Noch immer bin ich ratlos, was die Suche nach dem Grund betrifft. Denn die Handlung ist zweifelsohne als d├╝rftig zu bezeichnen, viel Entwicklung darf nicht erwartet werden, auch keine Spannung. Doch vielleicht ist es, weil der Leser sich vergn├╝glich in Zolas Sprache und der durch sie geschaffenen Atmosph├Ąre verlieren kann. Denn der Franzose verf├╝gte ├╝ber einen ausnehmend gro├čen Wortschatz (die Leistung der ├ťbersetzerin muss an dieser Stelle vernachl├Ąssigt bleiben), ├╝ber einen unendlichen Bilderreichtum, Phantasie und Beobachtungsgabe. Das Markttreiben und das Leben der Marktleute ist eine vergn├╝gliche Milieustudie, die einen entf├╝hrt in die Historie des Paris in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Der Leser beobachtet das Treiben auf dem Markt, er begleitet Florent und Claude auf ihrem ziellosen Gang durch Paris, am├╝siert sich ├╝ber tratschende Marktweiber und unz├Ąhlige Personifikationen (beispielsweise, dass der Herd ┬╗schnarchte wie ein in der Sonne schlafender Chors├Ąnger┬ź [134]).

In der mir vorliegenden Bastei-L├╝bbe-Ausgabe gibt es ├╝brigens im Anhang n├╝tzliche Anmerkungen, die mitunter sehr interessante Hintergrundinformationen bereithalten. Nicht nur, dass Mazagran (Nr. 33) kalter, verd├╝nnter Kaffee ist, doch das auch.

Res├╝mierend kann festgestellt werden, dass ┬╗Der Bauch von Paris┬ź nicht geeignet ist f├╝r plot-heischende Leser. Zolas Werk fokussiert die detaillierte und k├Âstliche Beschreibung von (fiktiven) Menschen, Gegenst├Ąnden und Orten. Wobei die Figuren besonders plastisch erscheinen und die vorgestellten lokalen Sehensw├╝rdigkeiten, als sei man ein Tourist in Paris.

Erst nach der Lekt├╝re von ┬╗Der Bauch von Paris┬ź erfuhr ich, dass es sich um nur um einen Teil von Zolas zwanzigb├Ąndigen Zyklus handelt. Dass Lisa Teil dieser Familiensaga ist, die eingewoben in die Sozialgeschichte Frankreichs ein Bild der Zeit entwirft. Keine Frage, dass ich die anderen Teile auch lesen werde, nein, muss!

Jacqueline Sterzik

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