Jostein Gaarder: Die Frau mit dem roten Tuch

die_frau_mit_dem_roten_tuchEs gibt BĂĽcher, bei denen man am Ende der LektĂĽre traurig ist. Ja natĂĽrlich, weil sie ein trauriges Ende haben, das auch. Aber vor allem, weil man weiĂź, dass es ĂĽberhaupt zu Ende ist. Wie beim Besuch in einem Gourmetrestaurant, wenn man zum ersten Mal ein unglaublich leckeres Gericht gegessen hat und nun auf den leeren Teller vor sich sieht.

Jostein Gaarder ist ein wundervoller Erzähler, das beweist er auch mit »Die Frau mit dem roten Tuch«. Herausragend konzipiert und konstruiert kommt alles dennoch so leicht daher, dass man regelrecht süchtig nach mehr durch die Seiten jagt. Obwohl man es nicht will, denn man weiß, je schneller man liest, umso eher gelangt man ans unwiederbringliche Ende.

Solrun und Steinn verband vor drei Jahrzehnten eine fünfjährige sehr intensive Beziehung. Jetzt treffen sie sich zufällig wieder und beschließen, sich fortan E-Mails zu schreiben. Der Leser wird Zeuge dieser besonderen Aufarbeitung der Vergangenheit. Die Lehrerin und der Professor führen fort, wo sie vor langer Zeit aufgehört haben durch eine schreckliche Tragödie, die sie trennte.

Mit ihren Gedanken gibt uns Jostein Gaarder wieder eine seiner hochinteressanten Philosophiestunden. Es geht um das Schicksal. Ist es vorherbestimmt oder zufällig? Solrun und Steinn verstreten die Pole dieser so grundsätzlichen Frage der Menschheitsgeschichte, die uns umtreibt, seit es uns gibt. Solrun sagt: »Die Welt ist kein Mosaik aus Zufällen, Steinn. Sie hängt zusammen.« (S. 22). Steinn widerspricht ihr. Es geht um die Dinge, die wir erklären wollen, aber nicht mit letzter Sicherheit wissen, sondern nur glauben. Sie sind nicht greifbar. Solrun und Steinn debattieren darüber, sie scheinen sich gemeinhin anzunähern, doch die Entscheidung vertagt Gaarder.

Einen Briefwechsel habe ich noch nicht annähernd so spannend empfunden. Solrun und Steinn sind lebendig, man lauscht ihren Überlegungen fasziniert und nimmt ihre Gedanken mit ins Bett, um darüber nachzudenken. Und man wünscht sich, dass der geliebte Reiseführer der Philosophie –Jostein Gaarder – das Abenteuer verlängert hätte. Doch nach 220 Seiten war es Geschichte. Leider.

Nur noch so viel zum Ende: Es schockt gewaltig.

»Was, wenn Steinn recht hatte?« (S.219)
Jacqueline Sterzik

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