Julia Franck: Die Mittagsfrau


mittagsfrauEin besonderes, ein außergewöhnliches und zu Recht preisgekröntes Buch ist Julia Francks Roman, der das Leben einer Frau zwischen zwei Weltkriegen erzählt.

Die Hauptfigur Helene wird in der Lausitz geboren. Nach schöner Kindheit muss die Familie mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs gen Osten ziehen. Nach ihrer gescheiterten Ehe bekommt Helene in Stettin ihren Sohn, den sie bei der Flucht im dortigen Bahnhof allein zurücklässt. Eine traurige Geschichte, ein bitteres Ende – doch in einer wunderschönen Sprache erzählt. So sinnlich, das man glaubt, was passiert, greifen zu können. Das Buch ist wie ein Atem beraubendes Gemälde, vor dem man steht, und das man seufzend betrachtet, weil man glaubt, es zu lieben. Und am zärtlichsten wirkt die Sprache, wenn ihr schreckliche Gedanken zu Grunde liegen. So beispielsweise, als Carl gestorben war.

»Die Zeit zog sich zusammen, sie rollte sich ein und faltete sich.« (S.280)

Die Autorin verwebt gut recherchierte Fakten mit Fiktion. (Männliche) Rezensenten beklagen, dass Julia Franck die Dinge nicht beim Namen nennt. Doch mir hat genau dies besonders gefallen. Ist das nicht die Stärke von Epik, reale Phänomene in sprachliche, in poetische Gebilde zu verpacken? Julia Francks Sprache ist so poetisch und sinnlich, zärtlich, wunderbar. Sie berührt: einmal beruhigt sie, dann wieder fordert sie das Äußerste vom Leser.

»Helene drehte sich um, ihr Herz raste, legte sie sich auf den Bauch, schlug es gegen die Matratze, pochte, als wolle es wohin, von hier nach dort, wälzte sie sich auf den Rücken, hüpfte es aus ihr hinaus, es überschlug sich, stolperte, Helene holte Luft, tief atmen, ruhig atmen, das Herz zähmen, nichts leichter als das, zu leicht das Herz, schon war es auf und davon. Helene zählte, Schlag für Schlag, sie zählte über hundert hinaus, ihr Hals wurde eng, das Herz rannte ihrem Zählen davon, sie legte sich die Finger an das Handgelenk, auch der Puls raste, Ruhepuls von hundertvier, fünf, sechs, sieben. Musste sie diese Decke kennen, war es ihre? Wo war die acht, es musste schon der zwölfte Schlag sein, hundertzwölf. Sie schloss ihre Augen fest, harte Augen, vielleicht konnte sie wieder zurück, zurück zu Carl. Aber es gelang nicht.« (S. 295f.)

Und obwohl die geschilderte Zeit regelrecht nach Wertung giert, gelingt der Autorin, dies zu verhindern. Der Leser spürt nicht die Last, die diese obligate Schuldannahme durch Lektüre gemeinhin auslöst.

Mit Helenes zwei Männern – dem Verlobten Carl, der durch einen Unfall zu Tode kommt und dem Ehemann Wilhelm, einem begeisterten Nazi – zeigt Julia Franck sowohl die Spanne an zwischenmenschlichen Beziehungen, die von der innigen, naiven Liebe bis zum tief verwurzelten, den Anlass bereits ignorierenden Hass reicht, als auch, wie sehr Kausalität unsere Beziehungen prägt.

»Die Mittagsfrau« ist trotz ihrer leisen, zärtlichen Art ein spektakuläres Buch. Was diese Zeit aus einem Menschen machen konnte, bekommt durch Helene ein Gesicht. Helenes Gleichgültigkeit und ihre unfassbare finale Entscheidung sind zu verstehen, wenn man in diese Zeit taucht. Beides gelingt durch Julia Francks Buch hervorragend. Und wenn man das Buch schließt, wünscht man, es gäbe mehr von dieser Art.

Jacqueline Sterzik

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