Marianne Fredriksson: Geliebte Tochter


Tochter_kleinMarianne Fredriksson tut mit »Geliebte Tochter« das, was sie am besten kann: Geschichten von Frauen verschiedener Generationen erzählen, so alltäglich, dass man sich wiederfinden kann, so besonders, dass man staunend das Buch verschlingt.

Es geht um Liebe, um die Verliebtheit als ihre faszinierende Vorstufe. Fredriksson schreibt darüber in ihrer weisen, schlichten und unvergleichlich schönen Art; wenn sie z.B. ihre Hauptheldin Katarina sagen lässt: »Das Blut singt und im Kopf zwitschern die Vögel. Man ist ganz Körper, es ist herrlich.« (34) Ihr Bruder Olof philosophiert, als er sagt: „»Wahnsinnige Verliebtheit ist oft ein Zeichen dafür, dass man ...in dem anderen etwas von sich erkannt hat. Wie eine Spiegelung des eigenen Gespaltenseins.« (44).

»Geliebte Tochter« thematisiert vordergründig die Erfahrung von häuslicher Gewalt, der Leser lernt die Opfer kennen und die Täter, die ehedem selbst Opfer waren. Der Teufelskreis ist bekannt. Katharina wird von dem Vater ihres ungeborenen Kindes, der in seiner Kindheit selbst Gewalt erfahren hatte, geschlagen. Katarina erinnert sich, wie ihre eigene Mutter vom Vater geschlagen worden ist. Allmählich wird ihr klar, wie wenig sie sich bisher diesem Trauma gestellt hat. Es geht dabei nicht nur um Gewalt, sondern auch um Schuld. Um die Schuld der Täter und um das Schuldgefühl der Opfer, um Elisabeth, die sich schuldig fühlt, nichts gegen den Mann getan zu haben, um der kleinen Tochter einen Ausweg aus der Gewaltspirale aufzuzeigen.

Marianne Fredriksson hat mit Katarina und Jack zwei Welten personifiziert: die eine ist das Sinnbild für Schweden – schön, intelligent, tiefgründig, bescheiden, sehr stolz und möglicherweise hin und wieder manipulierbar. Jack steht für das Land, aus dem er kommt: Amerika – selbstbewusst und -verliebt, charismatisch, jähzornig, arrogant, oberflächlich, doch auch liebenswert.

»Geliebte Tochter« ist ein Buch des Vergebens. Es hat ein versöhnliches Ende, wenn Jack zur Tauffeier seiner Tochter eingeladen wird. Es hat aber auch ein sehr realistisches, wenn Katarina erkennt, dass Jack sich überhaupt nicht für seine Tochter interessiert. Ein Eingeständnis von Schuld? Oder Scham? Oder beides?
Jacqueline Sterzik

{backbutton}

Copyright © 2013 - Jacqueline Sterzik. Alle Rechte vorbehalten.