Marlene Faro: Die Frau des Weinhändlers


Weinhaendler_kleinMarlene Faros »Die Frau des Weinhändlers« handelt von einem Ehepaar, das sich auseinander lebt.
Oder von einer Frau, die durch äußere Umstände zu einem neuen Selbst findet.

Die Restauratorin Agnes und der Weinhändler Simon sind ein glückliches Paar, das am Rhein gut lebt und glücklich wirkt. Eines Tages erhält Agnes den Job, eine Kapelle in Sankt Petersburg zu restaurieren. Mit drei Kolleginnen macht sie sich ans Werk. Dabei lernt sie das Leben und die Armut in Sankt Petersburg kennen, personifiziert im Straßenkind Juri. Als sie nach Hause zurückkehrt, ist nichts mehr so, wie es zuvor war. Agnes hat sich verändert, ihr altes Leben und ihr Mann erscheinen ihr oberflächlich. Sie holt Juri zu sich und die Tatsache, wie Simon darauf reagiert, entzweit sie beiden endgültig. Als Simon Agnes zwingt, sich zu entscheiden, tut sie das Richtige.

Faro gelingt unzureichend, die einzelnen Figuren differenzierter als pauschal zu charakterisieren. Umso subtiler ist die Gesamthandlung entworfen. Denn es läuft lange nicht stringent auf die Katastrophe (Trennung) hin, obwohl die äußeren Umstände sich bereits ändern. Der Plot an sich wird vermutlich dem Leser nicht unbedingt im Gedächtnis bleiben. Aber muss es auch nicht. Denn viel wichtiger (und nachhaltiger) erweist sich Faros Erzählkunst. Sie ist poetisch. Faro entwirft unzählige Bilder.

»Die kleine Stadt liegt da wie die liebevoll gepinselte Kulisse für einen Musketierfilm, gleich wird Jean Marais von einem der Giebel springen, im purpurroten Umhang, und die Schurken verfolgen.« (S. 36).

Häufig paart Faro diese Bildhaftigkeit mit Originalität in der Wortwahl: So verlässt eine Frau in »sektglashohen Absätzen« (S. 41) den Tisch im Restaurant „wie eine Unwetterfront“ und die übrig gebliebenen Männer blicken ihr »schafsäugig« (S. 44) hinterher.

Ich-Erzählerin Agnes wird zudem als kompetente Beobachterin entworfen, was zweifelsohne ein gutes Maß Authentizität birgt.

»Wir sitzen in der Wohnlandschaft vor dem offenen Kamin, wie vier Gullivers im Land der Riesen, die Rückenlehne ist soweit entfernt, dass eine bequeme Haltung unmöglich ist, am besten hält man sich an seinem Glas fest, und plaudern locker kreuz und quer, die Unterhaltung ein Knäuel, das wir uns spielerisch zuwerfen, das Wetter, der Urlaub, gemeinsame Freunde, Sylvie hält die Fäden fest im Griff.« (S. 41).

Der Leser lernt natürlich auch Sankt Petersburg kennen. Obwohl Ironie und Sarkasmus auch hier immer wieder den Seiten entspringen, erkennt der Leser, dass Agnes Sankt Petersburg liebt.

»Am allerschönsten ist diese Stadt, wo Mauern und Wasser aufeinander treffen, an den Kanälen, die sich wie silbergraue Schlangen zwischen Palästen und Herrenhäusern winden. Moika-Kanal und Fontanka-Kanal, Brücken und Kais, Straßen ohne Namen und stille Hinterhöfe, zwei Birken reichen schon für ein Wäldchen im Häusermeer.« (S. 62)

Obwohl als 166-seitiger Roman ausgewiesen, wirkt »Die Frau des Weinhändlers« beinahe wie eine Kurzgeschichte. Jeder einzelne Satz ist konzentriert, ausgereift, wichtig. Und doch ist es, als umwehe den Leser die Sprache wie eine Brise. Möglicherweise auch geschuldet der Präsensform, die die Gedanken und den Plot aktuell, spontan und unmittelbar macht.

»Die Frau des Weinhändlers« ist ein Buch zur unbedingten Weiterempfehlung. Die wundervolle Sprache, die das Buch visualisiert, tröstet mindestens über den kleinen Mangel der Figuren-Charakterisierung hinweg.

Jacqueline Sterzik

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